Streit mit Stil

Streit mit Stil

Streitkultur macht Spaß!

So sieht er aus. Der „kultivierte Streit“ hat in meiner Fantasie ein besonderes Erscheinungsbild und zwar hat er eine schlanke, große Figur, er trägt einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und einen eleganten Stock in der Hand. Richtig, Zwerg Peace ist nicht der Herr Streit. 😉

Und das macht er. Er schlendert leichtfüssig, zielstrebig, ohne Hetze und unaufgeregt die Straße entlang. Er bewegt sich fortwährend, blickt meistens schnurstracks gerade nach vorne und hin und wieder seitwärts. Eben wird mir bewusst, dass er niemals nach hinten blickt. Hin und wieder wirft er beim Vorbeilaufen einen kurzen Blick in eine Fensterscheibe. Dabei kann er für einen Hauch eines Moments zurückblicken und das genügt.

Das Vergangene ist Geschichte, warum immer wieder umdrehen? Die gesamte Aufmerksamkeit gehört dem Jetzt, im Bewusstsein, dass alles was kommen wird, von diesem Jetzt abhängt.  Alles Erlebte ist ohnehin im Herzen und der Erinnerung aufgehoben. Der kultivierte Streit strahlt mit seiner Erscheinung Sicherheit, Kraft und Lebensfreude aus, sowie eine gewisse Ernsthaftigkeit. Tja, er ist sicher kein Kindergeburtstag und das will er auch nicht sein, aber ebenso ist er bestimmt kein Weltuntergang. Irgendwo dazwischen hat er seinen Platz. Je nachdem wie geübt unsere Fähigkeit zu streiten und wie ausgeprägt die eigene Auseinandersetzungsbereitschaft ist, wird er näher dem Weltuntergang oder dem Kindergeburtstag angesiedelt sein.

Vom Bild des kultivierten Streits lässt sich ableiten, was uns gut tut beim Streiten.

Leichtigkeit und unaufgeregte Gelassenheit. Alles was wir ungern machen, fällt uns schwer und wir versuchen es  zu vermeiden. Sind wir dennoch damit konfrontiert,  empfinden wir kaum Freude dabei. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass mit einer ablehnenden Haltung „Streiten“ gelingen kann? Ein neues Mindset muss her, denn eines steht fest: Wo Menschen sind, gibt es Konflikte.

Streiten tut gut. Es bringt uns voran, fordert unsere Kreativität und unsere Kommunikationsfähigkeit. Der Streit offenbart viel Neues über unser Gegenüber und uns selbst. Er macht uns weiser im Umgang miteinander.

Keine Hetze und Ungeduld. Ein Thema zu diskutieren, Standpunkte abzuwägen, Optionen zu entdecken, zu verhandeln und sich ernsthaft zu einigen braucht Zeit und erfordert manchmal auch große Anstrengungen. Aber immer tun wir es für uns selbst. Dient ein wohlwollendes Miteinander nicht unserem eigensten Wohlbefinden am meisten?

In ständiger Bewegung, zielstrebig nach vorne. Eine jede Auseinandersetzung bringt Veränderung, und zwar in jedem Fall. Da hat man gar keine Wahl. Auch wenn man das Thema nicht bearbeitet, passiert Veränderung. Warum? Weil das Thema da ist und nur, weil ihm keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist es nicht verschwunden. Es findet seine Bühne, immer! Also warum sich dagegen sträuben und Zeit verschwenden. Anpacken und weitergehen, statt ignorieren und irgendwann zurückkatapultiert werden.

Zukunft statt Vergangenheit, Lösung statt Schuld. Damit haben wir unsere größte Mühe. Scheinbar haben wir nicht gelernt zu lösen, Ärger und Verletzung loszulassen und weiterzulaufen. Wir haben vielmehr gelernt uns mit Leidenschaft der Ursachenforschung und der Schuldfrage zu widmen, um danach möglichst lange Kränkung und Ärger mit uns rumzuschleppen. Als wäre es erstrebenswert nach einer „ungerechten“ Behandlung, möglichst lange zu leiden. Alle sollen wissen, wie gemein einem mitgespielt wurde. In ganz dramatischen Fällen denkt man lieber über Vergeltungsaktionen nach, statt diese Energie ins eigene Glück zu stecken.

Kuchen gegen Gemüse. Vergangenes und Schuld muss wie ein leckerer Kuchen, so anziehend und verführerisch für uns sein. Eine vernünftige Lösung, Vergebung oder gar vergessen ist wohl mit Gemüse vergleichbar. Wir wissen, dass das Gemüse gesünder ist und wir uns damit wohler fühlen, aber der Kuchen ist so unwiderstehlich. Meist merkt man die Nebenwirkungen des kurzen Genusses auch nicht sofort, langsam setzen sich Fettpölsterchen an. Ebenso langsam und oft unbemerkt beeinträchtigt ein ernsthafter Konflikt das eigene Nervenkostüm, die Lebensfreude und das Wohlbefinden. Wenn uns jemand fragt, essen wir natürlich Gemüse und nur selten Kuchen. Und so schätzen sich interessanterweise die meisten Menschen als eher lösungsorientiert ein und sind erstaunt, wenn ihr Konfliktprofil etwas anderes behauptet.

Kurz gesagt: Wer kultiviert streiten will, der muss vor allem aufmerksam sein, wenn es streittechnisch zur Sache geht. Erst wenn man sein eigenes Streitverhalten einmal reflektiert hat, ist man in der Lage das eigene Verhalten bewusst zu steuern und wenn man möchte zu ändern. Dabei kann es zu interessanten AHA- Erlebnissen kommen. Lange eingeübtes Verhalten ändert sich nicht von heute auf morgen. Es braucht Übung und ein Wollen. In jedem Fall lohnt es sich, die Kraft von Konflikten zu nutzen und ihr destruktives Potenzial positiv zur Lebensgestaltung einzusetzen. Bei sich selbst anfangen und auf andere abfärben! 😉

TIPP! Um Luft aus einer Konfrontation zu nehmen, versucht Folgendes: Macht beim nächsten heftigen Streit mal eine Denk- und Atempause. Holt euch das Bild des „kultivierten Streits“ vor euer geistiges Auge. Schlendert ein Stückchen mit ihm die Straße entlang, Richtung Zukunft. Versucht seine Gelassenheit und Zuversicht auf euch wirken zu lassen. Spürt Ruhe und Geduld, Kraft und Lebensfreude. Dann atmet tief ein und aus und versucht mit eurer Disziplin eine echte Auseinandersetzung über´s Streitthema zu starten. Lasst Beleidigungen und Angriffe weg. Auf Angriffe eures Gegenübers steigt ihr nicht ein, stattdessen bleibt ihr bei der Sache.

Und keine Sorge, wenn der Streitpartner eure Pause nicht gleich respektiert und weiterstreitet. Ohne euch gehts nicht, ihr versäumt nichts. 😉 Bin gespannt, wie es euch dabei ergeht! Freue mich auf eure Berichte!

Fortsetzung: Wir lernen Streiten

 

 

 

Lasst uns Freunde sein und folgt uns!

4 Replies to “Streit mit Stil”

  1. Passt. Wer gut streiten kann, hat mehr vom Leben. Doch wie immer: vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt. Kuchen und Gemüse sind eine wunderbare Metapher für die menschliche Schwäche, die Stimme der Vernunft auszublenden.

    1. Danke fürs feine Feedback! Das stimmt, ein „bisschen“ Einsatz und Mühe ist meistens notwendig. In manchen Fällen braucht´s viel davon. Achja, die Stimme der Vernunft sollte manchmal einfach laut losschreien, statt flüsternd darauf zu hoffen, gehört zu werden. 😉

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